Mittwoch, 11. Juli 2018

Dr. Smirc zum Existenzialismus

Ich lese gerade das etwas eigene, wohl existenzialistisch gemeinte, Buch der Sarah Bakewell über die Scene um das existentialistische Café des Eigendenkers Sartre, seiner Spiegelfechterin Beauvoir pp. Der Existentialismus begegnet mir da ebenso wenig als Philosophie wie der Pessimismus Schopenhauers und der erigierte Wille eines Nietzsche. Alle diese sind Haltungen mit entsprechenden Ansichten zum Leben und nur einer der Genannten interessierte sich für Erkenntnis, Liebe zur Wahrheit statt für die "mißliche Sache" Leben.

Gewaltige Gewißheiten über das von ihm Gefundene hinaus dürften der Philosophie auch kaum fehlen, wiewohl das Nachdenken über seine Erkenntnisse allen zu empfehlen ist, die es mit Erkenntnis einmal versuchen möchten.

Heute ist in Dingen des Intellekts wieder einmal mehr eine Zeit der Präsentation als die des Denkens. Und ein übles politisches Herrschenwollen ergießt sich ins Forum der öffentlichen Sache. So würde ich der Welt und auch den sich für Denker haltenden  Verlagsbewohnern von heute gerne zu etwas mehr existentialistischer Haltung raten. Was ja von der Liebe zur Wahrheit nicht abhalten muß.

Gerade Dr. Smirc, ausgesprochen autodidaktisch orientiert, bekennt sich zum Existentialismus. Auch er meint, das sei sicher eine Haltung mehr zum Leben als Erkenntnisgewinn. Aber worin unterscheide sich denn ein Philosoph wirklich von einem Dialektdichter der Gemütlichkeit? Sei nicht auch dieser ein ausgesprochen *heimer Faulenzer?

So etwas wie den Nazi Heidegger stelle er sich unter existenzialistischer Aktivierung nicht vor, es gehe nicht um den Stau an irgendeiner Testosterontheke, nicht um Dasein, Sosein, Dortsein. Das möge in den Begriffssümpfen eines Narzißtendeutschs geschnarcht werden. Vielmehr müsse, das Was der Existenz einmal erkannt, im Wie des Lebens eine anständige und eigene Rolle entschieden und angenommen werden, wenn man diese einmalige Gelegenheit auch als solche erkannt habe. Die Missbraucher des menschlichen Vertrauens hätten kein Problem damit, nach ihrem Gusto zu handeln. Die anderen sollten das ihre doch auch wahrnehmen und nicht darauf warten, daß ihnen das Handeln durch ein Absperren der kritischen Welt unmöglich werde!

Heidegger habe das "Zeug "zum "Dasein"  ausgequollen - und allen Vorteil genutzt. Es gehe darum, es, das Leben richtig und mit Anstand zu leben.

Donnerstag, 14. Juni 2018

Anstoß

Der Frühling neigt sich dem Sommer zu.
Ein einzelner Vogel zwitschert schlapp in die abgehalfterten Erwartungen. Das Wunder der Existenz erscheint vergilbt. Die WM beginnt in drei Stunden.
Dr. Smirc betrachtet Wiesenblumen, die sich zwischen Hundehaufen strecken. Die Erinnerung sagt: "Schierling" oder "Hirtentäschel" oder "orangene Plektonie".
"Warmen Fleischkäse, bitte!" Dr. Warnix, Psychagog und nachgeordneter Dieselbräter, hat einen recht badischen Hunger aus Karlsruhe mitgebracht und beginnt eine unendliche Suada über Putin und Trump. Kirschen fallen in die Wurmnester der Wichtigkeit.
Smirc legt ihm den Arm um die Schulter und zieht sich eine Pommes durch die Mayo. Ja, die Hoffnungen sind ziemlich verschrumpelt. Man muss einen hochprozentigen Zweifel nachkippen, um sie zu verkraften.
Gott räumt schon mal den Tisch ab. Für ein ordentliches Trinkgeld spendiert er noch einen Sonnendurchbruch aus dem Wolkengrau.
"Na?", Dr. Smirc nimmt den alten Warnix an der Hand: "Doch noch 'n schönes Märchen geworden! "
Dr. Warnix, Psychagog und pensionierter Ballstecher, holt einen Stapel Erinnerungen aus der Tasche: "Ein Spielchen?" Schröder vom VIP-Gazprom lacht sich eins in den Hartz.
Gott drückt auf die Fernbedienung.
14.6.18

Dienstag, 5. Juni 2018

Aus 2009

Derwarnix

Einge Skizze für Freunde wechselnder Wolkenfelder

Da! Hiwwl, irgendwo im Trump. Es gibt ein gutes Weinchen in der Kulturschwemme. Sie kennen das Multitalent Karl Theo Göring nicht? Wo war er nur zwischen 1930 und 1949? Seltsamer Kulturstolz! Ein Keks ist kein Pflasterstein.

Man sieht die Bäume, graue Wolken über dem Himmel, man hört die Vögel singen und von ferne Autos. Wozu man wohl in der Welt ist? Die Freunde aus Union und Brutalverbänden, allesamt hochintelligente Minderleister, surfen geräuschvoll im hier und jetzt. Duljöh.
Am Nebentisch ein russischer Pegide. Arbeiten bis zum Umfallen, Entlassung, Rente ohne Anspruch. Er kennt das und regt sich schon lange nicht mehr auf: "Die können nicht alle putzen gehn oder Hausmeister machen. Ein Paar davon müssen auch zur Polizei oder in den Knast!"

Auf einer dünnen Schicht Freundschaft mußt Du Dich vorsichtig bewegen! Es wackelt gewaltig unter der Einsamkeit.

Da gibt es ja angeblich auch noch einen Gott unter dem Krautblatt. Wenn die Sonne scheint, ist gut glauben. Aber Du brauchst ihn im Menschen.

Andere arbeiten an Muskeln, heiraten und bekommen Kinder der Buchhaltung. Er liest lieber im Feuilleton. Ein Leben wie im Märchen. Gewaltige Langweiler als Geistesriesen. Koryphäen! Es kracht fast wie Denken. Das Lob des outgesourcten Kritikers ein dunkles Bezahlmärchen aus der Romantik.

Schräg fällt der Regen in die ohnedies frierende Seele. Unter Wolkentürmen plötzlich der Wellenschlag eines Vogelschwarms. -
*
In den kleinen weißen Blüten zwischen dem Altstadtpflaster breitet sich ein sprechen wollendes Schweigen aus.

Frau Platz hatte keine Kinder und lebte glücklich mit ihrem Mann. Dem kleinen Jungen erschien dieses Häuschen eines Postbeamten wie aus der Fibel geschnitten. "Hans, Heiner, Elsa" lebten dort ein freundliches Leben vor. Etwas fremd, aber unter dem blauen Sommer und roten, wurmfreien Kirschen glaubhaft wie die Freundlichkeit am Tisch von Frau Platz.
Wenn sie am Zaun stand, konnte sich der Junge gut eine Zukunft von schönen Straßen mit schönen Häusern, Gärtchen  und schönen Abenden vorstellen. Wie Frieden unter den Menschen. Etwas langweilig. Aber wie sehnte er sich unter häuslichen Gewittern nach so einer Fibelwelt.

An diesem Morgen, in vom Erlebnishunger verlassenen Straßen, steigt eine Kindersehnsucht auf nach diesem anderen Leben unveränderlicher Freude im Zyklus von Jahren, deren Rhythmus von Sonne und Regen bestimmt ist. Ungesprochene Worte steigen aus der im Muster der Straße verwobenen Erinnerungen auf. Von da ging die eine Haltung aus.

Später lernte er die andere kennen, trieb ihn sein Trieb durch lange Jahre. Ob er sich je aus dem Tanz um Grete und Hans würde herauswinden können?

Die zugehörige Philosophie stammte von Kant, die Religion aus den zweifelnden Regionen des Glaubens: umhergewehte glühende Buchstaben einer Frage vom Caucas.

Die Amsel sprüht Regen, die Lerche  lässt die Welt unter einem Hitzeschild erstarren. Die Liebe findet einen Platz.
*
Von der Marquise von O schreibt Kleist:

"Sie hob mit dem ganzen Stolz der Unschuld gerüstet, ihre Kleider auf, trug sie ohne daß der Bruder gewagt hätte, sie anzuhalten, in den Wagen, und fuhr ab.

Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche sie das Schicksal herabgestürzt hatte, empor."

Die Erfindung der Person ist ja nicht alt. Mit dem Aufstieg des heiligen römischen Kaiserreichs der Massen und der auf sie einpeitschenden Familienclans - Deine Ahnenforschung kann nichts finden, worauf ein Individuum stolz sein könnte - war sie für fast 1.700 Jahre von der Erde verschwunden. Dünne Spuren der Auflehnung. Eine davon ist dieser Moment der der Marquise von O.

Inzwischen verlottert  die Republik wieder. Man schottet sich ab gegen Recht und Anstand mit Front-office, Call- center und schwarzen Diensten. Jeder Trottel hält sich für Cäsar und schickt seine Kinder in die Schulen für Narzißmus und Beziehungspflege. Der Bürger wird zur Randexistenz.

Kaum daß die Freiheit eine Öffnung für Gedanken in den Horizont gebohrt hat, bricht auch schon alles, was an Chauvinismus, Rassismus, Unbarmherzigkeit und Menschenhass in den Individuen steckt hervor, als ein neues Grauen.
*
Ein Lastwagen tiefgefrorener Einsamkeit fährt auf Dich zu, während Du bremsen mußt. Derwarnix aber sitzt schon Sonntag früh um 8 mit dem ersten Bierchen an der Tanke. Der war schon in der DDR nix und bei Vatern. Er wartet. Wie wir bald warten werden.
*
Jetzt aber Platz für Ehrfurcht und Andacht in Rheinhessen.

Blickt man auf dieses literarische Lebenswerk, dann ist man geneigt, vor Ehrfurcht zu erstarren. Ich zwar nicht, aber öffnet er den Schrank mit seinen vielfältigen Werken, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. "Das sind meine geistigen Kinder", sagt er andächtig. Eines heißt "gelacht, gebabbelt un gegrunzt" oder so.

Und wieder beschenkt man einander mit langweiliger Kurzweil.

Im Caucas bringen sie die Menschenrechtler um. Urmütterchen Russland, ganz schön Nazi, zeigt ihren Kindern, was brav ist. Sibirienfahrer träumen düstere Märchen zur Illumination ihrer Altersdepressionen. Pittoreskes Elend läuft in die Städte aus. Dome der Hoffnung unter Funktionären der Unbarmherzigkeit. Elite der Beziehung führt das Volk ins Duljöh.

Ein Junge und ein Mädchen machen sich auf den Weg aus der Fibel.

Unter den Wolken plötzlich Vögel.

Aus 26.7.09 Klaus Wachowski

Samstag, 2. Juni 2018

Samstag

Samstag

Baseballkappe, schwazes Sweatshirt, Turnschuhe. Er mäht mit starkem Geräusch den Grünstreifen an der Haltestelle. Der Film und das Bier von gestern Abend sind nur noch eine dunkelgraue Pfütze unter seinen Gedanken, die auf einen Burger und eine ungewisse konkrete Hoffnung Sexuelles gehen.  Es riecht gut nach dem geschnittenen Gras. Ab und zu sticht ein morgendlicher Vogelruf durch das Rattern.

Blauer Himmel über weißen Wolkenballen zieht mich in ferne Gefühle der Kindheit.

Der Mensch vor der Folie der Erinnerung. Eine Seele in eigenem Gefäß. Abgeschlossen, fern, und in der Gegenwart bereits uneinholbar vergangen.

Dieser leichte Schmerz. Ist das Hüfte oder Muskelkater von unbekannter Ursache?

Das Geräusch hört abrupt auf. Er fährt den Rasenmäher zum Parkplatz. Der Samstag öffnet Fußball - und Grillplatz, die beruhigende Auflösung aller Wünsche im Wohlsein des Alc, mit etwas Glück gelingt auch die Einfahrt in eine Umarmung und mehr.

Einer auf dem Rücksitz eines Edelprodukts wird vorbeigefahren. Smalltalk, Begeisterung, Witzigkeit, all die Erwartungen an sein Wichtigsein drücken sich in seine sportlich massierte Bauchmuskulatur. Mit etwas Glück gelingt ihm heute der Rückzug in sein Sofa.

"Was willst Du damit sagen?", fragte mich der blaue Himmel über den Wolken. Es war kaum zu verstehen in den Liedern der Amseln und des wieder angesprungenen Rasenmähers.

Ich habe keine Antwort als, daß es nicht zu selten doch schön ist, zu sein.

Gott sagt: "Sag nicht Herr zu mir, Bruder." Und schüttet noch einige Stunden Tag vom Grün über die Stadt. Wir kaufen eine Straßengazette.

2.6.18

Freitag, 18. Mai 2018

Freundliche Stadt

In der Stadt siehst Du immer einen Jesus oder eine Caritas, die sich freundlich um jemanden kümmern.

Im Dorf machst Du den oder die zu Bürgermeistern. 

Was sollen sie anders werden außer Freund und - korrupt?

Sonntag, 13. Mai 2018

Wiedersehen

Wir alle waren arm. Die einen wollten nach oben und gingen, die anderen sagten sich, es ist doch gut sein, und blieben, die anderen gaben auf und gingen. So verstehen wir uns nicht mehr.

Ich wollte erhalten und war damit einverstanden, im Dienst zu sein. Ich wollte es sogar verbessern und schloss mich "fortschrittlichen" politischen Strömungen an, versuchte das "Gute" zu erkennen in Philosophie, Literatur und Religion.

Jetzt ist die Zeit der Ohnmacht angebrochen, in der -wenn überhaupt-  noch das Wort wirkt,... wenn es auf einen interessierten Kopf trifft. Geschwätz von Alten.

Das zunehmende Nichts führt uns wieder näher zusammen. Die groß gewordenen Einzelnen fallen aus der Einsamkeit zurück in den Kreis. Manche schaffen selbst das nicht mehr, verlassen die Umlaufbahn ins Leere. Die vom Stuhl gefallenen berappeln sich und kommen zum Tisch. Manche sind zu tief gefallen, verloren in den Tropfsteinhöhlen von Misstrauen und Ego. Wir finden uns wieder an alter, verwitterter, Stelle, die Reparatur lohnt nicht mehr, die Folgenden werden abreißen und neu investieren.

Wir reden von unserer guten alten Zeit, die neu und voll Hoffnung war. Wir reden von jetzt, suchen das darin, was wir erlebten und verstehen können. Die Hoffnungen des Morgen, na ja, wir lachen, aber wir wünschen einander und Euch auch alles Gute.

Schau, ein Wichtig! Manche nicken im Reflex der Braven! Schau, ein Verlierer! Manche machen vorsichtig Platz. Wie schön! Was das da wohl kostet?

Schmerzen zeigen den Weg, Enttäuschungen erheben sich über Freuden, Freuden blühen aus Enttäuschungen auf.

So scheint die Sonne in den Schatten, spielt ein Schatten in der Sonne.